Kommt dir das bekannt vor? Du bekommst ein sehnsüchtig erwartetes Paket mit italienischem Konengarn. Die Garnstärke ist identisch — sagen wir, ein klassisches 2/30 oder 2/28. Doch der eine Faden fühlt sich glatt, kühl und fließend in der Hand an, der andere wirkt trocken, dünn und unscheinbar, fast wie Bindfaden.
Nach der Wäsche passiert dann das Wunder: Der erste wird zu einem makellosen, seidigen Gestrick mit perfektem Maschenbild, der zweite blüht zu einer üppigen Kaschmirwolke auf und füllt jede Lücke zwischen den Maschen.
Was ist das Geheimnis? Alles hängt davon ab, wie die Faser kardiert und gesponnen wird. Schauen wir uns ohne Fachchinesisch an, wer wer ist, wie du typische Stolperfallen an der Strickmaschine vermeidest und welche Projekte zu welchem Garntyp passen.
Was im Faden steckt: die physikalischen Grundlagen
Streichgarn (kardiert / Woollen):
Stell dir vor, wie Rohwolle sanft gemischt und über rotierende Walzen gebürstet wird. Kurze und lange Fasern vermengen sich kreuz und quer und bilden ein Vlies aus zufällig ausgerichteten Fasern. Im Inneren bleiben unzählige winzige Luftpolster und mikroskopisch kleine Kammern.
Das Ergebnis: ein leichter, bauschiger, voluminöser Faden. Ein Pullover aus Streichgarn kann nur 250–350 Gramm wiegen und dabei wärmen wie ein schwerer Mantel.
Kammgarn (gekämmt / Worsted):
Hier ist Präzision gefragt: Die Fasern werden nicht nur kardiert, sondern gründlich durch feine Stahlnadeln gekämmt. Alle kurzen Fasern und Noppen werden ausgekämmt, die verbleibenden langen Fasern liegen streng parallel und werden dann fest miteinander verdreht.
Das Ergebnis: ein glattes, sprungelastisches, dichteres Garn mit dezentem, seidigem Glanz. Das Gestrick fällt fließend und schwer, der Materialverbrauch ist aber spürbar höher — bei gleicher Größe etwa 20–35 % mehr Gewicht als beim kardierten Pendant.
Spickzettel: legendäre italienische Spinnereien & Garnnamen
Wenn du italienische Restposten (Deadstock) und Konengarn-Kollektionen durchstöberst, halte Ausschau nach diesen Klassikern:
Streichgarn-Legenden (begehrt für unvergleichliches Aufblühen und wolkenweiche Haptik):
Zegna Baruffa — Supergeelong / Cashwool Supercardato: Superfeine Lammwolle aus der ersten Schur. Auf der Kone trocken, blüht sie nach der Wäsche zu einem samtigen Gestrick auf.
Loro Piana — Top Cashmere, Coarsehair und Carded Wish: Echte Luxus-Maßstäbe mit zartem Flaum und tiefer Wärme.
Filati Biagioli Modesto — Cardato, Cashmere 2/28: Verlässliche Atelier-Klassiker mit gleichmäßigem, samtigem Flor ohne kahle Stellen.
Millefili — Brio, Trasparenza: Besondere Mischungen, die rustikalen Charakter mit weichem Griff verbinden.
Pecci Filati — Baby: Zarte, kuschelige kardierte Lammwolle mit weichem Griff.
Kammgarn-Favoriten (gewählt für klares Maschenbild und elastische Rückstellkraft):
Zegna Baruffa — Cashwool (2/30, 2/48): Der Goldstandard für extrafeinen Merino-Kammgarn. Kein Kratzen, eleganter Glanz, zuverlässige Sprungkraft und jahrelange Haltbarkeit.
Tollegno 1900 — Harmony (2/30, 2/48): Das Arbeitstier schlechthin. Bemerkenswerte Formstabilität, klares Maschenbild und Langlebigkeit.
Botto Poala — Mirage, Flash: Seidige, widerstandsfähige Wolle mit wenig Pilling und knackiger Sprungkraft.
Loro Piana — Royal, Worsted Wish: Hochveredelte Garne, die fallen wie Rohseide.
Chiavazza & Cariaggi (z. B. Cariaggi Jaipur): Exquisite gekämmte Kaschmir- und Merinogarne für klar geschnittene, strukturierte Strickmode.
Schnitte & Konstruktion: Empfehlungen
Lass die Eigenschaften des Garns die Architektur deines Strickstücks bestimmen:
Streichgarn glänzt bei:
Lässigen Silhouetten, Pullovern mit überschnittenen Schultern, kastigen Formen, japanischen Schultern, Oversize-Cardigans und Kokon-Pullovern.
Stolen, umhüllenden Schals und warmen Decken.
Strickstrukturen: glatt rechts, Plattieren und Doppelbett-Jacquard (DBJ). Streichgarn ist im Jacquard unschlagbar: Die Fasern verfilzen leicht miteinander, verbinden die Fäden auf der Rückseite und ergeben ein ultraleichtes, winddichtes Gestrick.
Beachte: Streichgarn hat eine eher geringe Rückstellkraft in Rippen. Sieh das Rippenmuster daher eher als dekorativen Abschluss denn als eng anliegendes Bündchen. Vermeide Reibungszonen an den Achseln, da weicher Flaum bei Abrieb leichter pillt.
Kammgarn ist wie gemacht für:
Figurbetonte Rollkragenpullover, taillierte Kleider, klassisch eingesetzte Ärmel, Raglan, Kombiteile im Anzugstil, Faltenröcke und fließende Hosen.
Plastische Muster: Zöpfe, Aranmuster, verschränkte Maschen, Fangmaschen-Lochmuster, Lochkarten-Lochmuster und Hebemaschenstrukturen.
Enge, elastische Rippen (1x1, 2x2, Vollnadelrippe) — Merino-Kammgarn springt zurück wie eine Feder und hält die Spannung an Bündchen oder Ausschnitt auch bei regelmäßigem Tragen.
Geheimnisse des Maschinenstrickens
Strickmaschinen reagieren sofort auf die Eigenschaften der Faser. Diese praktischen Tipps solltest du parat haben:
Beim Stricken mit Streichgarn:
Gib dem Garn Luft (keine zu feste Maschenweite!): Der häufigste Fehler ist, die Maschenweite am Schlitten zu verringern, weil der ungewaschene Faden so dünn aussieht. Wird zu fest gestrickt, haben die Fasern beim Waschen keinen Platz zum Aufblühen, und dein weicher Pullover wird zu einem steifen, verfilzten Brett. Stricke lockerer, als dein Auge es zunächst vorschlägt.
Achte auf die Spannung der Fadenspanner-Feder: Streichgarn kann trocken sein und bei ruckartigen Schlittenbewegungen reißen. Lockere die Drahtfedern am Fadenspanner-Mast etwas und führe den Schlitten gleichmäßig und ruhig.
Wachsen ist ein Muss: Führe das Garn über Paraffinblöcke. Gewachstes Garn reibt weniger an Ösen, Platinen und Nadelhaken – so vermeidest du Fadenrisse und Hängenbleiben.
Achte auf den Warenabzug: Da Streichgarn weniger dehnbar ist, können bei ungleichmäßig verteilten Gewichten Maschen von den Nadeln springen. Verteile Anschlagkamm und Randgewichte gleichmäßig über das Nadelbett.
Beim Stricken mit Kammgarn:
Stelle die Maschenweite genau ein: Kammgarn bauscht seitlich kaum auf. Eine zu lockere Maschenweite ergibt ein ungleichmäßiges, durchscheinendes Maschengitter.
Verziehen und Streifenbildung vermeiden: Einfädiges Kammgarn (Singles) kann glatt rechtes Gestrick wegen des Drehungsungleichgewichts schräg ziehen. Stricke mit mindestens zwei ausgeglichenen Fäden oder wähle Strukturen, die die Drehung ausgleichen (z. B. Plattieren, Rippen oder Kraus-/Perlmuster-Varianten).
Für einen guten Warenabzug sorgen: Bei Strukturmaschen, Zöpfen oder Fangmaschenfolgen braucht Kammgarn einen kräftigen, gleichmäßigen Zug nach unten, damit die Nadelzungen frei öffnen und sauber schließen – ohne Fehlmaschen.
Nassbehandlung & Pflege: Spinnöle entfernen
- Streichgarn (Spinnöle auswaschen):
Spinnereien behandeln Streichgarn mit schützenden Spinnölen und Wachs, damit es die schnelle industrielle Verarbeitung übersteht. Die erste Wäsche verwandelt das Gestrick:
- Verwende warmes Wasser mit etwa 35–45 °C und ein spezielles Wollwaschmittel oder eine milde Seife, die Spinnöle löst.
- Halte die Wassertemperatur konstant: Vermeide Temperaturschocks zwischen Wasch- und Spülbad, denn plötzliche Temperaturwechsel lassen die Wolle einlaufen und verfilzen.
- Wasche mit 2–3 Wasserwechseln: Das erste Bad löst die gräulichen Spinnöle, das zweite reinigt sanft mit Seifenschaum, und dem letzten Spülwasser kannst du einen Schuss Haarspülung oder Wollbalsam für mehr Weichheit zugeben.
- Drücke und knete Streichgarn-Strickstücke im Bad sanft durch: Leichte mechanische Bewegung hilft den Fasern, aufzublühen und sich zu einer geschlossenen Oberfläche zu verbinden.
- Vollständig flach auf einem Handtuch trocknen lassen.
- Kammgarn:
Gekämmte Fasern enthalten kaum Spinnöle und werden schon beim ersten sanften Einweichen sauber.
Spüle bei gleichbleibender Temperatur und ohne kräftiges Reiben oder Bewegen, um die glatte, glänzende Oberfläche zu schützen. Nach dem Trocknen leicht dämpfen – mit dem Bügeleisen knapp über dem Gestrick oder durch ein feuchtes Bügeltuch: Die Maschen richten sich aus, und das fertige Teil bekommt einen gepflegten, tragefertigen Look.
Die goldene Regel:
Verzichte nie auf eine großzügige Maschenprobe von mindestens 15×15 cm. Streichgarn zieht sich in der Länge leicht zusammen und geht in der Breite auf, während Kammgarn bemerkenswert maßhaltig bleibt. Waschen, trocknen, messen – und erst dann die Maschenprobe auswerten, wenn sich das Gestrick gesetzt hat.
